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Verkürzte Vollzeit und Geld?

Funktionärskonferenz bewertet Tarifvorschlag für die Metall-Elektroindustrie

05.09.2017 I Eine verkürzte Vollzeit will die IG Metall in der kommenden Tarifrunde durchsetzen. Betriebsräte und Vertrauensleute beziehen Position zum Forderungsvorschlag.

Kontrovers diskutierten gestern Betriebsräte und Vertrauensleute die Tarifforderung nach verkürzter Vollzeit in Essen. Mehr als 50 Funktionäre folgten der Einladung der IG Metall Mülheim, Essen, Oberhausen und Gelsenkirchen am Montagabend ins Essener Gewerkschaftshaus.

Diskussion am 4.9.2017 im Essener Gewerkschaftshaus

Mit verkürzter Vollzeit will die IG Metall die Herabsenkung der Arbeitszeit auf 28 Stunden und das Recht auf Rückkehr zur 35-Stunden-Woche innerhalb von 24 Monaten durchsetzen, so Volker Becker-Nühlen, Bevollmächtigter Essen-Mülheim, in seiner Begrüßung. Ansprüche von jungen Eltern auf Kindererziehung oder Pflege von Älteren und Weiterbildung sollen so erfüllt werden. Der Manteltarifvertrag hat eine Kündigungszeit von drei Monaten, daher entscheiden bereits nächste Woche die Tarifkommissionen, ob die Forderung nach verkürzter Vollzeit aufgestellt wird.

v. links: Volker Becker-Nühlen, Robert Sadowsky, Holger Neumann, Richard Rohnert, Jörg Schlüter, Dirk Horstkamp

Dirk Horstkamp, Sekretär aus Mülheim (Foto rechts), wies in seiner Begrüßung bereits auf die Bedeutung dieser Entscheidung hin, denn viele sind mit der bestehenden Arbeitszeit zufrieden.

Robert Sadowsky, Bevollmächtigter in Gelsenkirchen und Mitglied der Verhandlungskommission gab zu Bedenken, dass Arbeitszeitflexibilisierungen bisher auf Wunsch der Arbeitgeber zur Verbesserung der Auslastung umgesetzt wurden. Jetzt seien die Arbeitnehmer mit einer Forderung an der Reihe.

Horstkamp, der die Diskussionsleitung übernahm, fragte die Teilnehmer, wie die Forderung zur Arbeitszeit von den Betriebsräten und Vertrauensleuten bewertet wird. Die Diskussion zeigt, dass für eine Arbeitszeitforderung noch viel Erklärungs- und Mobilisierungsbedarf besteht.

Rolf Goller
Ich arbeite in einem Schichtbetrieb. Die Belegschaft erwartet Verbesserungen zur Schichtarbeit.

Antonio Jara
In einem Ingenieursbetrieb sind Arbeitszeitverkürzungen oder Flexibilisierungen nur schwer durchsetzbar, da Projekte immer in einem bestimmten Zeitrahmen erfüllt werden müssen.

Horst Dahmen

Diskussionen zur Kündigung des Manteltarifvertrages werden kritisch gesehen. Die Belegschaft ist der Auffassung: „Was wir haben, sollten wir bewahren“. Dennoch gibt es auch Forderungen nach Verbesserungen, besonders im Schichtdienst. Auch die Forderung von Teilzeit auf Vollzeit wird gewünscht. Die Kolleginnen und Kollegen bevorzugen eine Wahlfreiheit nach mehr Lohn oder Freizeit, wie es bei der Bahn vereinbart wurde.

Ugur Coskun
Das Ruhrgebiet ist vom Abbau von Industriearbeitsplätze betroffen. Ein geöffneter Manteltarifvertrag birgt aus meiner Sicht ein großes Risiko für die IG Metall und ihre Mitglieder.

Frank Koconka
Die Forderung nach einer verkürzten Vollzeit ist für Montagebetriebe keine Option, denn wer möchte schon nach sieben Stunden die Baustelle verlassen?

Jan Martin Frericks




Wir sind aktuell von Umstrukturierungen betroffen. Daher stand die bevorstehende Tarifrunde bisher noch nicht abschließend bei den Vertrauensleuten zur Diskussion. Vor diesem Hintergrund wird es schwierig, für die Forderung zu mobilisieren.

Holger Neumann
Angestellte arbeiten oft über die vertragliche Arbeitszeit hinaus. Hier würde eine Arbeitszeitregelung die IG Metall stärken.

Richard Rohnert

Rohnert, Tarifsekretär der IG Metall in NRW, antwortete auf die kritischen Beiträge. Auch die Arbeitgeber haben sich inzwischen positioniert. Sie fordern einerseits, dass Arbeit nicht teurer werden darf und sie die gleichen Flexibilisierungsinstrumente wie die Arbeitnehmer wollen. Doch, so Rohnert weiter, gibt es seit sieben Jahren einen Wirtschaftsaufschwung, den die Betriebe jetzt in Folge verbuchen. Eine Forderung zur Arbeitszeit kann nur in einer Zeit der Hochkonjunktur gelingen.

Es geht nicht nur um mehr Zeit, sondern auch um mehr Geld. Die Arbeitszeit und eine angemessene Entgeltforderung von bis zu 6 % seien aus seiner Sicht durchsetzbar. Am 14. September sind alle Tarifkommissionen eingeladen, sowohl über Entgelt als auch Arbeitszeitflexibilisierung eine Forderung aufzustellen.

Jörg Schlüter
Jörg Schlüter, komm. Bevollmächtigter der IG Metall Oberhausen, zeigte in seinem Schlusswort auf, welche Bedeutung die Tarifrunde durch die zwei Forderungen bekommen wird. Auch Gegenforderungen der Arbeitgeber gelte es zu meistern. Von der Politik erwarte er keine Rückendeckung, denn die schwarz-gelbe Landesregierung habe bereits eine Deregulierung des Arbeitszeitgesetzes gefordert.

Die IG Metall wird nach dem 14. September weiter berichten. Sowohl auf dieser Website als auch direkt auf der Seite der IG Metall NRW.

Bericht: Alfons Rüther, IG Metall Essen