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Solidarität verändert Leben

07.05.2024 I MEO-Metaller zusammen mit spanischen Kollegen bei den argentinischen Ziegelbrennern.
Luis steht an der Schubkarre, greift mit beiden Händen in die graue Masse, schlägt sie in die Form, streicht sie glatt, hebt die Form hoch, dreht sie, während er sich bückt, und legt zwei Rohziegel auf dem Boden ab. Richtet sich wieder auf, greift erneut in die Masse aus Lehm, Pferdemist und Wasser und der Ablauf beginnt von vorn, hunderte Male am Tag.

Luis formt die Ziegel

Luis ist Ziegelbrenner in Argentinien und er arbeitet fast noch so, wie es seine Vorfahren getan haben. Zuerst wird die Rohmasse gemischt, dann werden die Ziegel geformt, dann in der Sonne getrocknet, dann zu übermannshohen Quadern geschichtet, unter denen ein Holzfeuer entzündet wird, mit dem die Ziegel mehrere Tage lang gebrannt werden. Eine harte Arbeit. Und eine Arbeit, die nicht viel einträgt, gerade genug, um die Familien zu ernähren, die in Hütten direkt neben dem Platz wohnen, auf dem die Rohziegel zum Trocknen ausgelegt sind.

Gewerkschaftliche Aufbauarbeit ganz von vorn

Doch Luis ist nicht nur Ziegelbrenner, wie wohl schon sein Vater und die Vorväter. Luis ist auch Gewerkschafter und Vertrauensmann der Gewerkschaft der Ladrilleros, wie die Ziegelbrenner in Argentinien genannt werden. Vor ein paar Jahren hat die Union Obrera Ladrillera de la Republica Argentina auf dem flachen Land eine gute Autostunde von Buenos Aires entfernt begonnen, für den Zusammenschlusses der Ziegelbrenner zu werben – ein anfangs zähes Unterfangen. Denn „zuerst gab es nichts außer einer Idee“, wie Norberto Cafasso erklärt, der die Region für die UOLRA betreut. Kollege für Kollege musste überzeugt werden, dass es möglich ist, in den kleinen arbeitgebergeführten Betrieben mit Solidarität für alle mehr zu erreichen. An erster Stelle mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen.

Norberto diskutiert mit den Kollegen

Und sie haben etwas erreicht, die gerade einmal 17 Beschäftigten in dieser direkt an der Autobahn zur Hauptstadt gelegenen Ziegelei. Die Arbeit ist saisonal. Früher waren sie außerhalb der Saison ohne Einkommen. Jetzt garantiert ihnen ein Tarifvertrag einen Teil des momentan umgerechnet zwischen 600 und 700 Dollar im Monat betragenden Lohns, auch dann, wenn sie in der regenreichen Jahreszeit von Juni bis August nicht arbeiten können. Früher mussten sie für Essen und Wohnung bezahlen. Diese Kosten trägt jetzt der Arbeitgeber. Es gibt Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Für die Ziegelbrenner und ihre Familien sind das bahnbrechende Errungenschaften in einer Branche, in der ansonsten prekäre Verhältnisse vorherrschen. Wenn auch ihr materieller Wert bei einer Inflationsrate von zur Zeit mehr als 250 Prozent im Jahr tagtäglich in Frage gestellt wird und immer wieder neu verteidigt werden muss.

Norberto erklärt dem Besuch von der IG Metall aus Deutschland, dass sie noch längst nicht in allen Betrieben so weit sind. Hier gebe es einen Arbeitgeber, mit dem man reden könne. Dario Garais, dem der Betrieb gehört und dessen Familie in der dritten Generation in der Branche engagiert ist, bestätigt seine Bereitschaft zur Kooperation. Es gebe durchaus Auseinandersetzungen, aber am Ende „gibt es bessere Ergebnisse, wie wenn immer nur einer allein entscheidet“.

Im nächsten Betrieb dann eine ganz andere Situation. Hier lässt sich der Arbeitgeber nicht blicken. Und hier gab und gibt es handfeste Konflikte. Kurz zuvor wurde gestreikt. Die Kollegen kämpfen für Gehörschutz und dazu für Arbeitsanzüge. Als sie vor vier Jahren schon einmal die Arbeit niedergelegten, hat der Arbeitgeber nämlich eine Maschine angeschafft. Die wird von drei Mann bedient, macht einen Höllenlärm und produziert am Tag 25.000 Ziegel. Mit der Hand schafft ein Kollege höchstens 1.000. Neben den drei Kollegen an der Maschine gibt es noch eine Gruppe, die die Ziegel zum Brennen aufstapelt. Der Produktivitätsfortschritt ist gewaltig und die Kollegen fragen sich, wie sie sich dazu verhalten sollen. Auf der einen Seite ist jede Erleichterung der harten Arbeit willkommen. Auf der anderen Seite gefährdet die Mechanisierung Arbeitsplätze. Wie kann mehr Produktivität zu einem besseren Leben für die Ziegelbrenner und ihre Familien führen? Für welche Forderungen soll die Gewerkschaft konkret eintreten? Darüber wird intensiv debattiert.

Die Ziegel werden gebrannt

Der reaktionäre Präsident will alles über den Haufen werfen

Die politischen Bedingungen für eine erfolgreiche Vertretung der Interessen auch der Ziegelbrenner sind mit dem Amtsantritt des rechtsradikalen Präsidenten Argentiniens allerdings alles andere als besser geworden. Der will sämtliche jetzt durch Tarifvertrag geregelte Arbeitsverhältnisse den nackten Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterwerfen. Um das erzwingen zu können, setzt er demokratische Grundrechte wie das Demonstrationsrecht de facto außer Kraft. Auch das Streikrecht will er aushebeln. Die Ziegelbrenner würde es – wie alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Argentinien - weit zurückwerfen. Im letztgenannten Betrieb lässt die Gewerkschaft den Arbeitgeber alle Verträge, die sie ihm abtrotzen kann, im Arbeitsministerium unterschreiben, damit sie mehr Gewicht erhalten. Über ihre Einhaltung wacht auch ein Inspektor des Ministeriums. Milei hat aber als eine seiner ersten Amtshandlungen das Arbeitsministerium abgeschafft. Politisch stärkt das den Arbeitgeber, wie auch die vielen anderen arbeiterfeindlichen Projekte Mileis.

Betroffen sind davon auch die sogenannten Familienunternehmen. Das sind Betriebe, die formal keinen Arbeitgeber haben, sondern sich rechtlich im Besitz des Familienoberhaupts befinden. Tatsächlich stecken sie trotz des idyllischen Begriffs in einer tiefen Abhängigkeit vom Landbesitzer, der ihnen den lehmhaltigen Boden verpachtet, und vom Käufer, der ihnen die Steine abnimmt und dabei oft den Preis diktieren kann. Vor allem jetzt, wo Mileis Politik zu einem Einbruch in der Baukonjunktur geführt hat, wie uns berichtet wird. Auch hier ist die UOLRA aktiv und versucht, durch den Aufbau genossenschaftlicher Strukturen die Arbeitsbedingungen sowie die Stellung der Familien gegenüber Verpächtern und Abnehmern zu verbessern.

Neue Perspektiven auch für die Frauen und die Kinder

Ist die Tätigkeit der Gewerkschaft bei den Familienunternehmen aus der Perspektive deutscher oder spanischer Gewerkschafter schon ungewöhnlich, wenn auch zweifellos sinnvoll, so haben uns zwei weitere Aktionsfelder noch stärker überrascht. Zum einen kümmern sich die Kollegen um den Aufenthaltsstatus der Ziegelbrenner und ihrer Frauen und Kinder. Rund 60 Prozent von ihnen sind nämlich Migranten aus Bolivien. Viele können weder lesen noch schreiben. Wer keinen gesicherten Aufenthaltsstatus besitzt, ist der Unternehmerwillkür mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert. Zum anderen gilt die besondere Aufmerksamkeit den Kindern. Bis vor wenigen Jahren war es üblich, dass die Kinder wie übrigens auch die Frauen mitarbeiten. Der Besuch der Schule erschien gegenüber einem Beitrag zum Familieneinkommen oft zweitrangig. Intensiv hat die Gewerkschaft für den regelmäßigen Schulbesuch geworben und durch Anhebung der Löhne per Tarifvertrag auch den finanziellen Spielraum dafür geschaffen. Eine regelmäßige Kinderbetreuung am Nachmittag leistet zusätzliche Unterstützung.

Noemi Lopez, Migrantin aus Bolivien, zeichnet für die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen verantwortlich. Eigentlich stand ihr Leben fest: Heiraten, Nachwuchs bekommen, Haushalt führen, den Mann bei der Arbeit unterstützen. Und das so lange, wie das Leben eben geht. Die Gewerkschaft hat ihr neue Lebensmöglichkeiten gezeigt. Angefangen hat sie mit 15 Kindern, heute sind es 80. Ältere Mädchen unterstützen sie. Heute wird von der Gemeinde für die Betreuung ein Raum zur Verfügung gestellt. Auch für manch andere Frau haben sich neue Perspektiven geöffnet. Das war spürbar, als Noemi in großer Runde von sich und ihrer Tätigkeit erzählte. Und am Ende verteilten die Kolleginnen und Kollegen der UOLRA zusammen mit den Gästen aus Europa Schulmaterial an die Kinder, die das sichtbar als Auszeichnung empfanden.

Noemi erzählt

Solidarität verändert Leben – wir, routinierte Metaller von jenseits des Atlantiks, haben es bei den Ziegelbrennern, ihren Frauen und Kindern, gespürt. Das gilt auch für Deutschland. Aber wir vergessen es vor all den Alltagsaufgaben vielleicht manchmal, dass die Qualität des Lebens von Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auf der gewerkschaftlichen Solidarität von Generationen ruht, ohne die es keine Tarifverträge, keine Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, keine Demokratie, kurz: kein Leben in Würde gäbe.

Nichts davon ist für alle Zeiten sicher. Bei uns nicht, wo reaktionäre Kräfte unsere Errungenschaften Stück für Stück kassieren wollen. Und erst recht nicht in Argentinien, wo Milei den Generalangriff versucht.

Um so wichtiger ist es, das Bewusstsein für die grundlegende Bedeutung der Solidarität wachzuhalten. Solidarisch werden wir unsere Rechte verteidigen, in Argentinien, in Deutschland und in Verbundenheit von Gewerkschaftern zu Gewerkschaftern über den Ozean hinweg.

Text und Fotos: Ulrich Breitbach